Die beste Pilotfolge aller Zeiten

Es gibt viele tolle Serien. Und es gibt viele Wege, eine neue Serie zu etablieren. Doch wenn ich eine Serie neu auf Kiel legen dürfte, dann würde ich es auf jeden Fall so machen wie in „Six Feet Under“, egal was kommt.

Six Feet Under? Die Serie um eine Bestatter-Familie wurde vom Sender VOX 2006 als Nachfolger für „Ally McBeal“ beworben, was bei den Zuschauern gleich mal eine grundfalsche Erwartungshaltung schuf. So etwas kann einer Serie zum Start wie ein Mühlstein um den Hals hängen. Doch „Six Feet Under“ war trotzdem erfolgreich. Zu Recht, denn die Serie ist ab der ersten Minute grandios. Sie legt fulminant los.

  • Den Auftakt bildet ein fiktiver TV-Spot für neue Leichenwagen.
  • Nächste Szene: Der Vater der Bestatterfamilie hat ihn sich gekauft, fährt stolz damit durch die Stadt und telefoniert dabei mit seiner Familie.
  • Sein Sohn hat auf dem Flug zu seinen Eltern eine wunderbare Frau kennengelernt, spontan treiben die beiden es wild miteinander auf der Flughafentoilette.
  • Der Vater stirbt bei einem Unfall mit seinem neuen Leichenwagen. Gleichzeitig verständigen sich der Sohn und seine neue Bekannte darauf, dass ihre Nummer auf der Flughafentoilette keine Bedeutung haben sollte und sie sich nie wiedersehen werden.

Und an diesem Punkt dachte ich, vor dem Fernseher sitzend: Oha, die beiden sind wirklich gestört. Niemand, der auch nur annähernd bei Trost ist, lässt so eine Wahnsinnsfrau gehen.

  • In diesem Moment ruft die Mutter den Sohn an, dass sein Vater gestorben sei, er ist erschüttert.
  • Die Wahnsinnsfrau fragt ihn daraufhin, ob sie ihm helfen kann…
  • und zack! stecken die beiden in der Beziehung, die sie nicht wollten.

Knaller!

Wie man die Kugeln ins Rollen bringt.

Das alles geht in vielleicht sechs Minuten über die Bühne. „Six Feet Under“ legt los wie eine Mondrakete, aus diesem Treibsatz bezieht die Serie ihre gesamte Energie, die sie über viele Staffeln antreibt. Die Autoren hechten mit Anlauf mitten ins Drama. Im Vergleich dazu kommt eine deutsche Serie „Babylon Berlin“ selbst nach drei Folgen noch nicht richtig aus dem Quark und trudelt betulich vor sich hin.

Selbstverständlich müssen auch die Macher von „Six Feet Under“ auf den nächsten Metern noch eine Menge exponieren: Der Bruder verbirgt, dass er schwul ist, die vorgeblich so unschuldige Mutter hat ein Geheimnis und – cooler Move – die Normalste in dieser Bestatterfamilie ist die kleine Schwester, ein Emo auf Drogen. All das will erzählt sein. Dennoch sind wir ab Minute sechs mittendrin. Aber sowas von. Man kann eine Serie bestimmt kunstvoller, origineller, sutbiler anlegen, sich mehr Zeit für die einzelnen Figuren nehmen. Aber wozu? Eine Story sollte wie eine gotische Kathedrale konstruiert sein, jedes einzelne Stein, mag er im Detail auch noch so verschnörkelt ausgestaltet sein, sollte in der Gesamtstatik eine tragende Funktion haben. Insofern liefert „Six Feet Under“ die Blaupause einer Serienexposition, da ist nun wirklich kein Zierat vorhanden, nichts ist überflüssig. Genau deshalb ist sie atemberaubend. Perfekt.

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