{"id":248,"date":"2019-05-05T15:00:10","date_gmt":"2019-05-05T13:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bloggedy.de\/?p=248"},"modified":"2024-04-16T17:07:11","modified_gmt":"2024-04-16T15:07:11","slug":"one-way-or-another","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bloggedy.de\/?p=248","title":{"rendered":"An der Wegscheide"},"content":{"rendered":"\n<p>Kevin K\u00fchnert w\u00fcrde gerne BMW vergesellschaften, wei\u00df aber selbst nicht so genau, wie. Stellt sich die Frage: Einen Automobilhersteller verstaatlichen, wie soll das denn bitte gehen?<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle r\u00e4uspert sich der Historiker dezent und murmelt: &#8222;Gab&#8217;s schon.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Blicken wir zur\u00fcck in die Geschichte: Ein deutscher Automobilkonzern in Staatsbesitz, ja, das gab&#8217;s schon. Es hat sogar blendend funktioniert, nur der Zeitpunkt war historisch, nun ja, ungl\u00fccklich. Denn die gro\u00dfe \u00c4ra der Auto Union AG fiel ausgerechnet in die Zeit des Nationalsozialismus, die Sachsen waren vor dem Zweiten Weltkrieg zweitgr\u00f6\u00dfter deutscher Automobilproduzent nach der Adam Opel AG. Als Staatsunternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie es dazu kam? Ende der Zwanziger Jahre hatte der D\u00e4ne J\u00f8rgen Skafte Rasmussen in Sachsen mit Krediten der S\u00e4chsischen Staatsbank den gr\u00f6\u00dften Motorradhersteller der Welt geformt, doch nach der Weltwirtschaftskrise geriet sein Konzern in Schieflage. Das Geld wurde knapp, die Banken verweigerten weitere Kredite. Rasmussen und sein Vertrauensmann bei der Staatsbank, Richard Bruhn, entwickelten daraufhin den Plan, Rasmussens Unternehmen mit den Automobilherstellern Audi und Horch zu fusionieren, hinzu kam noch die Marke Wanderer. So entstand 1932 die Auto Union AG, die vier Marken des Konzerns \u2013 Audi, DKW, Horch, Wanderer \u2013 wurden durch ein neu geschaffenes Logo symbolisiert: vier Ringe, nebeneinander angeordnet. Neunzig Prozent der Anteile hielt die S\u00e4chsische Staatsbank, die Stadt Chemnitz schoss noch etwas Kapital hinzu. Die Verstaatlichung geschah also nicht unter Zwang, sondern als Rettungsaktion, die die Unternehmensf\u00fchrung selbst ausgeheckt hatte. Der Staat als Wei\u00dfer Ritter.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Markenmix funktionierte. Der DKW &#8222;Frontwagen&#8220; galt neben dem Opel P4 als einer der ersten &#8222;Volkswagen&#8220;. Wobei der Name &#8222;Frontwagen&#8220; keine milit\u00e4rische Bedeutung hatte, sondern die Antriebstechnik beschrieb: Der DKW F1 war das erste frontangetriebene Serienfahrzeug weltweit. Audi war die aufstrebende Marke, Horch der f\u00fchrende Hersteller der Oberklasse in Deutschland \u2013 noch vor Mercedes oder Maybach. Legend\u00e4r der &#8222;gro\u00dfe&#8220; Horch von 1931 mit Zw\u00f6lfzylindermotor, der allerdings in vier Jahren nur 81 K\u00e4ufer fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Automobilrennsport ging die Marke eine Symbiose mit dem NS-Regime ein. Geld vom Staat deckte etwa zu 20 Prozent die Kosten, daf\u00fcr benutzte die nationalsozialistische F\u00fchrung den Rennsport als ihr Aush\u00e4ngeschild. Unter der Leitung von Ferdinand Porsche fuhren prominente Piloten wie Tazio Nuvolari und Hans Stuck f\u00fcr die Auto Union. Nur sie konnten mit den legend\u00e4ren Mercedes-Silberpfeilen mithalten. Der Star jener Tage aber war Bernd Rosemeyer, der 1938 beim Versuch, den Geschwindigkeitsweltrekord zu brechen, im Rennwagen der Auto Union t\u00f6dlich verungl\u00fcckte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.bloggedy.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Auto_Union-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-272\" srcset=\"https:\/\/www.bloggedy.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Auto_Union-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.bloggedy.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Auto_Union-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.bloggedy.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Auto_Union-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00a9   <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:Jed\" target=\"_blank\">User:Jed<\/a>, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Auto_Union.jpg\" target=\"_blank\">Auto Union<\/a>, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/legalcode\" target=\"_blank\">CC BY-SA 3.0 DE<\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zur Unzeit war dies die gro\u00dfe Zeit der Auto Union. Knapp ein Viertel aller Fahrzeuge in Deutschland wurden 1938 von der Auto Union hergestellt, Horch hielt in der Luxusklasse \u00fcber f\u00fcnfzig Prozent Marktanteil, die Zahl der Besch\u00e4ftigten war von 8.000 im Jahr 1932 auf \u00fcber 23.000 gestiegen. Der Autobauer in Staatsbesitz war erfolgreich, weil die Unternehmensf\u00fchrung marktwirtschaftlich agieren konnte und der Erfolg beiden Seiten diente. Aber selbstverst\u00e4ndlich f\u00e4llt es auch leichter, sich in einem boomenden Markt zu behaupten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wurde aus der Auto Union? Ein erfolgreiches Staatsunternehmen, das h\u00e4tte nach dem Krieg doch wunderbar ins Kalk\u00fcl der neuen realsozialistischen Machthaber passen m\u00fcssen. Meint man. Doch jetzt wird&#8217;s originell: Statt den Konzern einfach weiterzuf\u00fchren, lie\u00df die sowjetische Milit\u00e4radministration (SMAD) die Auto Union AG liquidieren, das Unternehmen wurde 1948 aus dem ostzonalen Handelsregister gel\u00f6scht. Damit gab die SMAD auch die Rechte an den Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer preis. Unternehmensf\u00fchrung und Mitarbeiter, die mit allen Fertigungspl\u00e4nen l\u00e4ngst in den Westen &#8218;r\u00fcbergemacht hatten, mussten nur noch zugreifen. Diesmal leistete die Staatsbank aus Bayern die n\u00f6tige finanzielle Unterst\u00fctzung, zus\u00e4tzlich flossen Mittel aus dem Marshallplan: 1949 wurde die Auto Union als GmbH in Ingolstadt neu gegr\u00fcndet; im realsozialistischen Sachsen wurden die verbliebenen Produktionsanlagen, die nicht als Reparationsg\u00fcter in die UdSSR verbracht worden waren, in das IFA-Fahrzeugkombinat \u00fcberf\u00fchrt. So kam es zu der bizarren Situation, dass das Vorkriegsmodell des DKW F8 leicht abge\u00e4ndert in Ost und West parallel weitergebaut wurde. S\u00e4mtliche Namensrechte aber lagen im Westen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bundesdeutsche Auto Union GmbH \u00fcberlebte nur knapp. Sie nahm als letzter Hersteller im Westen sp\u00e4t, fast zu sp\u00e4t Abschied vom technisch veralteten Zweitaktmotor, und das auch nur auf hartn\u00e4ckiges Dr\u00e4ngen der Daimler AG, der das Unternehmen damals geh\u00f6rte. W\u00e4hrend im Osten weiter die Zweitaktmotoren \u00fcber die maroden Stra\u00dfen tuckerten, vollzogen die Ingolst\u00e4dter mit dem viertaktgetriebenen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Audi_F103\">F103<\/a> einen Neustart unter der Marke Audi.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal sind die Koinzidenzen in der Geschichte faszinierend; Schl\u00fcsselmomente, die \u00fcber Erfolg oder Untergang entscheiden. Historiker interpretieren sie gerne kausal als Ergebnis einer Entwicklung, doch ehrlicherweise l\u00e4sst sich im Nachhinein nur schwer sagen, ob Zufall, pers\u00f6nliche Entscheidungen oder die Systeme \u00fcber den Fortgang der Geschichte entschieden haben. In der DDR hatten Ingenieure des IFA-Kombinats Anfang der Siebziger Jahre mit gro\u00dfem Elan einen modernen Nachfolger f\u00fcr den Trabbi entwickelt, der sich durch Viertaktmotor und eine moderne Karosserie im Golf-Stil auszeichnete. Doch die SED-F\u00fchrung stoppte das Projekt, weil sie die Kosten scheute und auch die Notwendigkeit nicht sah, im real existierenden Sozialismus ein modernes Automodell auf den Markt zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur gleichen Zeit in Ingolstadt. Audi war von Daimler an VW verkauft worden, und die Wolfsburger hatten s\u00e4mtliche Eigenentwicklungen in Ingolstadt gestoppt, weil sie an die Zukunft des K\u00e4fers glaubten, sie wollten das Werk nur noch als verl\u00e4ngertes Wolfsburger Flie\u00dfband nutzen. K\u00e4fer forever! Doch Audi-Chefentwickler Ludwig Kraus hatte andere Ziele. Heimlich und nach Feierabend entwickelte er mit seinen Mitarbeitern ein vollkommen neues Fahrzeug, eine viert\u00fcrige Limousine im modernen Design, die konsequent auf Leichtbau getrimmt war. VW-Chef Nordhoff bekam Wind von der Sache und reiste nach Ingolstadt, um das Projekt zu stoppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem Kraus die Decke von dem Prototypen gezogen hatte, strich Nordhoff mehrmals nachdenklich um das Modell herum, seine Zornesr\u00f6te wich nach Kraus&#8216; Schilderung allm\u00e4hlich einem aufmerksamen Interesse. Schlie\u00dflich verk\u00fcndete er kurz und knapp: &#8222;Bauen.&#8220; Das Fahrzeug kam als Audi 100 auf den Markt und schlug sofort ein, der Aufstieg der Marke mit Jan Rasmussens vier Ringen nahm seinen Anfang. Und nachdem VW Anfang der Siebziger aufgrund der K\u00e4fer-Monokultur in eine schwere Krise geraten war, konnten ausgerechnet mit technischem Input aus Ingolstadt Golf, Passat und Polo entwickelt werden, jene Modelle, die VW zur\u00fcck in die Erfolgsspur brachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Winkelz\u00fcge der Geschichte. Nordhoff sah das Potenzial des Audi 100. Indirekt rettete diese Entscheidung das gesamte Unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 1960, als das Wirtschaftswunder verebbte, standen bereits die Autohersteller Borgward und BMW an der Wegscheide. Als in Bremen der Hersteller der legend\u00e4ren <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Borgward_Isabella\">Isabella<\/a> in die Krise geriet, setzte der Bremer Senat dem Unternehmensgr\u00fcnder Carl F. W. Borgward die Pistole auf die Brust: Er sollte sein Unternehmen dem Staat \u00fcberschreiben, Vorausgegangen war die Nachricht, dass Borgward \u00fcberschuldet w\u00e4re, wovon der Chef nachts aus dem Autoradio erfuhr. Ihm blieb anschlie\u00dfend keine Wahl mehr, denn nach dieser Meldung verweigerten die Banken weitere Kredite: Borgward wurde verstaatlicht. Und so gilt Borgward heute als erste und einzige Enteignung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Sanierung waren die Bremer Politiker jedoch \u00fcberfordert, weswegen bei Borgward nach kurzer Zeit die Lichter ausgingen. Doch Achtung! S\u00e4mtliche Schulden bei den Gl\u00e4ubigerunternehmen konnten bis 1963 beglichen werden. \u00dcberschuldet?<\/p>\n\n\n\n<p>BMW steckte Ende der F\u00fcnfziger Jahre wegen einer verfehlten Modellpolitik in der Krise. Das Angebot bestand nur noch aus einem originellen Microcar, der Knutschkugel Isetta\/BMW 600, und der sp\u00e4tbarocken, technisch veralteten Luxuslimousine 501\/02. Mit beiden lie\u00df sich nicht genug verdienen, ein ertragsreiches Volumenmodell in der Mitte fehlte. Die Banken hatten deshalb die \u00dcbernahme durch Daimler-Benz bereits beschlossen. Ein Hinterzimmer-Deal, dem jedoch in der entscheidenden Aktion\u00e4rsversammlung Kleinaktion\u00e4re, H\u00e4ndler und Belegschaft die Zustimmung verweigerten. Die \u00dcbernahme konnte abgewendet werden, auch weil die Quandts BMW \u00fcber eine Kapitalerh\u00f6hung die n\u00f6tigen finanziellen Mittel verschafften, um die Modellpalette aufzufrischen. Denn was die Banken den Aktion\u00e4ren verschwiegen hatten: Ein vielversprechendes neues Fahrzeug, der BMW 700, stand bereits in den Startl\u00f6chern. Und der schlug voll ein. Hinzu kam, dass kurz darauf Borgward als direkter Konkurrent vom Markt verschwand, Gru\u00df an den Bremer Senat, der sich ausgerechnet vom BMW-Sanierer und M\u00fcnchner CSU-Politiker Johannes Semler beraten lie\u00df. BMW war gerettet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Borgward-Sanierung versagte die Politik kl\u00e4glich, BMW hingegen wurde durch privates Engagement eine erfolgreiche Zukunft er\u00f6ffnet. J\u00f8rgen Skafte Rasmussen, der Mann hinter den vier Ringen, wurde 1934 aus dem Unternehmen gedr\u00e4ngt. Seine Lebensleistung ist heute fast vergessen. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen Unternehmen auch in staatlichem Besitz erfolgreich sein. Man muss nur die Regeln kennen. Oder es geht dahin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein verstaatlichter Autohersteller in Deutschland? Gab&#8217;s schon, allerdings zur Unzeit. One way or another: Ein Artikel \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Politik und Wirtschaft. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[111,114,118,107,106,113,117,109,108,115,110,116,112],"class_list":["post-248","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-audi","tag-auto-union","tag-autohersteller","tag-bmw","tag-borgward","tag-dkw","tag-geschichte","tag-kevin-kuehnert","tag-kuehnert","tag-sachsen","tag-sozialismus","tag-verstaatlichung","tag-vw"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bloggedy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/248","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bloggedy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bloggedy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bloggedy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bloggedy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=248"}],"version-history":[{"count":30,"href":"https:\/\/www.bloggedy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/248\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1057,"href":"https:\/\/www.bloggedy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/248\/revisions\/1057"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bloggedy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bloggedy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=248"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bloggedy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}