„Suits“ – Ist Louis Litt Richard Nixon?

In den vergangenen Monaten haben wir uns zu Hause bingemäßig „Suits“ reingezogen. Wir sind echte Junkies. Und eines wüsste ich zu gerne: Hatten die Macher rund um Showrunner Aaron Korsh vorab schon den gesamten Ablauf der Serie skizziert? Denn am Ende von Staffel 6 greift alle Elemente derart perfekt ineinander, als wäre die Handlung vorab so angelegt worden, jeder Charakter findet seine Bestimmung. Ich saß mit Gänsehaut vor dem Fernseher und konnte kaum fassen, was ich sah. Mehrfach zertrümmern die Macher die Statik ihrer eigenen Serie und doch kehrt sie immer wieder zu ihren Wurzeln zurück. Meisterhaft. Ist das von langer Hand geplant? Oder segeln die Autoren doch genau so auf Sicht wie deutsche Serienproduzenten, überlegen vor jeder Staffel aufs Neue, wo die Reise hingehen soll, aber dann arbeiten sie besser?

Was die Serie aber vor allem auszeichnet, ist die Energie, die in den Charakteren steckt. Aus einer unfassbar detailreichen, durchdachten Backstory entstehen Figuren mit mächtigem inneren Antrieb. Jede spielt das Thema „Familie“ auf eigene Weise durch. Doch ein Charakter ragt in diesem Ensemble noch heraus und das ist Louis Litt. Je länger ich ihm zusehe, wie er von Eifersucht zerfressen sein Leben ruiniert, desto klarer wird mir: Louis Litt ist Richard Nixon.

Tricky Dick. In Deutschland kennen wir ihn vor allem als Watergate-Präsidenten, als schmierigen, kleinen Betrüger, der sich an die Macht klammerte wie Gollum an den Ring. Doch dieses Bild wird Nixon nur teilweise gerecht. In beiden Fällen – Litt und Nixon – haben wir es mit verletzlichen Narzissten zu tun. Doch während Louis Litt reift, steigerte sich Richard Nixon zeitlebens in seine Paranoia hinein, er wähnte sich überall verfolgt und enttäuscht. „Tricky Dick“ scheute vor nichts zurück.

Aber zum Teil sind seine Verletzungen sogar nachvollziehbar: Die Wahl 1960 hatte er gegen John F. Kennedy vor allem aus zwei Gründen verloren: Er war beim Fernsehduell schlecht geschminkt, weswegen er aufgrund seines starken Bartwuchses wie ein Hinterhofganove aussah. Und heute wissen wir, dass gewisse Unregelmäßigkeiten bei der Stimmauszählung in Chicago mit ausschlaggebend für die Wahl waren. An Nixons Stelle wurde John F. Kennedy zur Legende. Und nüchtern betrachtet muss man feststellen: Gerecht ist das nicht, denn Nixon war der erfahrenere Politiker und er hat nicht nach Strich und Faden seine Ehefrau und damit die Öffentlichkeit betrogen, er hatte sich aus armen Verhältnissen hochgearbeitet und scheiterte an einem Playboy aus reichem Hause. Mit dieser Wahlniederlage galt er jedoch politisch als erledigt. Wie sehr musste ihn das wurmen.

Und dennoch schaffte Nixon es, 1968 zum Präsidenten der USA gewählt zu werden. Dann kam Watergate und er musste als erster und bisher einziger Präsident der Vereinigten Staaten zurücktreten. Er nahm Tabletten und war nur noch für seinen engsten Beraterkreis ansprechbar, sein eigener Wirtschaftsminister hielt ihn zu dieser Zeit für amtsunfähig.

Nixon – der pathologische Lügner und Betrüger. Das ist die eine Seite. Dies ist die andere: Nixon war hochbegabt, konnte seitenweise Shakespeare rezitieren, er gründete die US-Umweltbehörde und brachte als erster den Sauren Regen sowie bereits Anfang der Siebziger Jahre den Treibhauseffekt auf die politische Agenda. Nach anfänglichem Zögern unterstützte er Willy Brandts Ostpolitik und betrieb eine Politik der Entspannung, die zu ersten Rüstungskontrollabkommen führte. Seine Wirtschaftspolitik hatte teils sozialistische Züge.

Umweltschutz, Entspannung, Abrüstung: In Teilen war seine Politik ihrer Zeit voraus, und dies entsprang nicht irgendeinem zynischen Kalkül, sondern seiner ehrlichen Überzeugung. Die Fairness gebietet es festzuhalten: Nixon hätte ein großer Präsident werden können, wäre er nicht von einem selbstzerstörerischen Narzissmus angetrieben worden.

Und er trug nach einem Sportunfall auffällige Vorderzähne. So wie Louis Litt. Sein Hals war kaum vorhanden. So wie bei Louis Litt. Ach, seht doch selbst, nach kurzem Googeln habe ich diese Gegenüberstellung gefunden: Louis Litt und Richard Nixon – nach der Geburt getrennt.

Die Macht des Charakters. Sie kann größer kaum sein, wenn Autoren sich in all seiner liebesbedürftigen Verschlagenheit den schillerndsten Schurken der US-Geschichte zum Vorbild nehmen. Aus dieser Perspektive betrachtet gibt „Suits“ Nixon die menschliche Note zurück, wohingegen Louis Litts Figur noch an Faszination gewinnt. Dem stehen die anderen Charakter kaum nach, auch wenn sie keinen US-Präsidenten zum Vorbild haben. Zumindest ist es mir noch nicht aufgefallen. Mein Respekt vor Aaron Korsh steigt ins Unermessliche: Was für ein großartiges Serienkonzept, das driven by character über sieben Staffeln in den USA abräumte. Und nebenbei eine der Schauspielerin zum Titel der Duchess of Sussex verhalf. Congratulations, your Royal Highness.

Wir sind jetzt in Staffel 7. Rachel und Mike werden uns also in wenigen Folgen verlassen. Ich trauere schon heute und genieße jede Serienminute, die mir mit ihnen bleibt.

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