Intro der Woche: „Der Doktor und das liebe Vieh“ (1978)

Einmal wird Tierarzt Dr. James Herriot zu einer Sau rausgeschickt, der er eine Spritze geben soll. Routine, sagt er sich, mehr nicht. Schon steht er in einem matschigen Schweinestall einem tasmanischen Teufel mit dem Gemüt einer magenkranken Vogelspinne gegenüber, der im Körper einer Sau steckt. Und diese Sau greift ihn an, er flüchtet panisch.

Daheim freut sein Chef Siegfried Farnon sich diebisch, welchen Streich er James Herriot gespielt hat. Er weiß genau, wie die Sau drauf ist.

Im Schweinestall setzt die Sau zur nächsten Attacke an, James Herriot hechtet im letzten Moment in den Matsch, die Sau knallt vor die Stallwand und ist k.o. In aller Ruhe setzt James Herriot ihr die Spritze. Als er nach Hause kommt, erklärt er dem verwunderten Siegfried: „Überhaupt kein Problem. Die Sau war vollkommen ruhig.“

„Der Doktor und das liebe Vieh“, die liebevoll-charmante Serie über einen Landtierarzt in Northern Yorkshire, lief sonntags um 17 Uhr in der ARD. Ich habe jede Folge gesehen (außer, im Dorfkino lief Godzilla, nichts ging über Godzilla), und das, obwohl oder gerade weil mein eigener Vater Landtierarzt war. Ich war in dieser Welt zu Hause.

Da war etwa Henneken Ted* (auf hochdeutsch: Theodor Henneke*, Namen werden im Plattdeutschen mit interessanten Genitivkonstruktionen ausgesprochen), ein unverheirateter Bauer mit kleiner Hofstelle, an der er seit Jahren keinen Handschlag getan hatte. Wenn es geregnet hatte, parkte mein Vater seinen Audi auf der Straße, weil er sonst im Morast des Hofes steckengeblieben wäre. Als ich mal in der riesigen Bauernküche saß, flog rechts die Tür auf, eine Rotte Sauen raste quer durch den Raum und zur gegenüberliegenden Tür wieder hinaus. Die lebten nicht nicht im Stall, sondern liefen einfach frei auf dem Hof herum. Pig’s paradise.

Vom Nazi-Bauern und einzigen NPD-Wähler im Dorf – der Führer hatte ihm doch Boden im Osten versprochen! – wusste mein Vater, dass er im Nebenraum immer erst dreimal seine krakelige Unterschrift üben musste, bevor einen Vertrag unterzeichnen konnte. In jener Zeit konnte es sein, dass ein Landwirt nur zwei Kühe und sechs Sauen besaß, die mancherorts beinahe wie Familienmitglieder behandelt wurden. Mancherorts besser. Was hilft ein unnützer Esser am Tisch, wenn die Kuh gerade einen Milchschlag hat?

Aber mein Vater kümmerte sich nicht nur die Tiere, sondern war auch manchen Familien Seelsorger und Therapeut. So war das damals.

Kurz: „Der Doktor und das liebe Vieh“ war authentisch – und die Titelmelodie klingt dazu herzallerliebst. Meiner Meinung nach gehört sie zum Besten, was britische Serienvorspänne zu bieten haben – und die Konkurrenz ist hart. Doch jetzt kommt die Überraschung: Ist dieses Intro vom einem unbekannten Meister maßgeschneidert komponiert, speziell für diese Serie? Nein. Johnny Pearson, jahrelang Leiter des Orchesters von „Top of the Pops“, zog das Motiv in den Siebzigern einfach aus seiner Bibliothek, weit vor Hans Zimmers Zeiten. Siehe das letzte „Intro der Woche“ zu „The Crown“.

Ist deshalb dieses Intro zu „Der Doktor und das liebe Vieh“ irgendwie weniger brillant? Wieder nein. Sobald es erklingt, bin ich wieder das Kind, das sich sonntagnachmittags vergnügt vor den Fernseher hockt. Dah da di, dada dih, dadi dah! Entzückend.

*Name von der Redaktion geändert.

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